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Die „Frozen Shoulder“ (medizinisch: Adhäsive Kapsulitis) ist eine ebenso faszinierende wie frustrierende Erkrankung. Faszinierend, weil das Schultergelenk ohne ersichtlichen Grund förmlich „einfriert“, und frustrierend, weil der Heilungsprozess oft sehr viel Geduld erfordert.
Hier ist ein ausführlicher Überblick über die Phasen, die biologischen Hintergründe und die Wege zur Heilung.
Unsere Schulter ist ein anatomisches Wunderwerk. Da sie fast nur von Muskeln, Sehnen und einer weiten Kapsel gehalten wird, können wir den Arm in fast jede Richtung drehen. Bei einer Frozen Shoulder entzündet sich diese Gelenkkapsel und zieht sich zusammen. Stellen Sie sich vor, Sie tragen eine Jacke, die plötzlich drei Nummern zu klein wird – jede Bewegung wird mühsam und schmerzhaft.
Um das Schultergelenk liegt die Gelenkkapsel, eine Art schützende Hülle aus Bindegewebe. Normalerweise ist diese Hülle locker und faltig, damit der Oberarmkopf genügend Spielraum zum Gleiten hat.
Bei einer Frozen Shoulder kommt es zu einer massiven Entzündung dieser Kapsel. Der Körper reagiert darauf, indem er Bindegewebe umbaut. Die Kapsel wird dicker, straffer und verliert ihre Elastizität. Schließlich „verklebt“ die Kapsel mit dem Knochen.
Zusätzlich nimmt die Menge der Gelenkschmiere ab. Das Gelenk wird trocken und unbeweglich – es friert förmlich ein.
Man unterscheidet zwischen zwei Formen der Frozen Shoulder:
Die primäre (idiopathische) Form: Sie tritt „einfach so“ auf, ohne dass es einen Sturz oder eine Verletzung gab. Besonders oft sind Frauen zwischen 40 und 60 Jahren betroffen. Man vermutet hormonelle Einflüsse (Wechseljahre) oder Stoffwechselstörungen als Auslöser.
Die sekundäre Form: Hier gibt es eine klare Ursache, zum Beispiel eine vorangegangene Operation, ein Sturz auf die Schulter oder eine längere Ruhigstellung des Arms.
Es gibt einen auffälligen Zusammenhang zwischen der Frozen Shoulder und anderen Erkrankungen. Vor allem Menschen mit Diabetes mellitus oder Schilddrüsenerkrankungen haben ein deutlich höheres Risiko, an einer versteiften Schulter zu erkranken.
Die Erkrankung verläuft typischerweise in drei Stadien, die insgesamt zwischen ein und drei Jahren dauern können.
Dauer: ca. 2 bis 9 Monate.
Symptome: Der Schmerz steht im Vordergrund. Er tritt oft nachts auf und schießt bei plötzlichen Bewegungen heftig ein. Die Beweglichkeit nimmt langsam ab, da die Kapsel sich entzündet.
Dauer: ca. 4 bis 12 Monate.
Symptome: Der starke Ruheschmerz lässt nach, aber die Schulter ist nun extrem steif. Alltägliche Dinge wie Haarekämmen, den BH schließen oder den Anschnallgurt greifen sind fast unmöglich. Das Gelenk ist mechanisch blockiert.
Dauer: ca. 6 Monate bis 2 Jahre.
Symptome: Die Steifheit löst sich ganz langsam auf. Die Kapsel wird wieder elastischer, und der Bewegungsumfang kehrt Stück für Stück zurück.
Da Schulterschmerzen viele Ursachen haben können (z.B. Kalkschulter oder Risse in der Rotatorenmanschette), ist eine genaue Untersuchung wichtig.
Bewegungstests: Der Arzt prüft vor allem die Außenrotation. Wenn sich der Arm bei angelegtem Ellenbogen kaum nach außen drehen lässt, ist das ein klassisches Zeichen.
Ultraschall und MRT: Hiermit schließt man andere Schäden an den Sehnen aus. Bei einer Frozen Shoulder sieht man im MRT oft eine verdickte Kapsel im unteren Bereich des Gelenks (den sogenannten Recessus axillaris).
Die wichtigste Nachricht vorab: Die Frozen Shoulder heilt in den allermeisten Fällen von selbst wieder aus. Das Ziel der Therapie ist es, die Schmerzen in Phase 1 zu lindern und die Bewegung in Phase 3 zu fördern.
In der Entzündungsphase ist Aggressivität kontraproduktiv. Zu intensives Training kann die Entzündung verschlimmern.
Kortison: Eine Spritze direkt in das Gelenk oder eine kurze Tablettenkur kann die Entzündung massiv bremsen und den Schmerz lindern.
Schmerzmittel: Entzündungshemmende Mittel (NSAR) helfen über die schlimmsten Nächte hinweg.
Sobald die Schmerzen nachlassen, beginnt die Mobilisation.
Dehnen: Vorsichtige, lang anhaltende Dehnübungen helfen der Kapsel, wieder weit zu werden.
Schulterblatt-Training: Da das eigentliche Gelenk steif ist, muss das Schulterblatt lernen, die Bewegung auszugleichen.
In seltenen Fällen, wenn die Schulter nach einem Jahr immer noch extrem steif ist, kann nachgeholfen werden:
Narkosemobilisation: Unter Vollnarkose wird der Arm vorsichtig durchbewegt, um die Verklebungen zu lösen (heute seltener praktiziert).
Arthroskopie (Schlüsselloch-OP): Der Chirurg schneidet die verdickte Kapsel mit einem feinen Instrument ein, damit das Gelenk wieder Platz hat.
Wärme oder Kälte? In der akuten Entzündungsphase hilft oft Kälte (Eisbeutel). Später, wenn die Steifheit dominiert, wird Wärme (Kirschkernkissen) als angenehmer empfunden, um die Muskeln zu lockern.
Keine Gewalt: Akzeptieren Sie die Grenze Ihres Gelenks. Gegen den Schmerz anzukämpfen, verlängert die Heilung oft nur.
TENS-Geräte: Elektrische Nervenstimulation kann helfen, das Schmerzgedächtnis zu beruhigen.
Die Frozen Shoulder ist ein Geduldsspiel. Es ist eine der wenigen orthopädischen Erkrankungen, bei denen Abwarten und eine sanfte Behandlung oft besser sind als ein schneller operativer Eingriff. Auch wenn es Monate dauert: Am Ende des „Auftauprozesses“ erreichen die meisten Patienten wieder ihre volle Bewegungsfreiheit.
Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU): Leitlinien zu Schultersteife und Kapsulitis.
GOTS (Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin): Fachartikel zur Behandlung der adhäsiven Kapsulitis.
AWMF-Leitregister: Aktuelle Behandlungspfade für Schultererkrankungen.
Stiftung Gesundheitswissen: Patientenratgeber zur Frozen Shoulder.
Journal of Shoulder and Elbow Surgery: Internationale Studien zur Wirksamkeit von Kortisoninjektionen.