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Es passiert oft in einem völlig unspektakulären Moment. Man hebt einen Wäschekorb an, bückt sich nach einer Einkaufstasche oder möchte morgens einfach nur die Schuhe anziehen. Plötzlich schießt ein heftiger Schmerz in den unteren Rücken. Innerhalb von Sekunden fühlt sich jede Bewegung anders an. Das Aufrichten fällt schwer, Gehen wird unangenehm und selbst das Umdrehen im Bett scheint plötzlich zur Herausforderung zu werden. Viele Menschen beschreiben dieses Erlebnis später mit denselben Worten: Da muss etwas verrutscht sein. Ich habe mir einen Wirbel ausgerenkt. Irgendetwas ist blockiert. Die Intensität der Beschwerden macht diese Erklärungen zunächst nachvollziehbar. Genau deshalb sorgt ein Hexenschuss häufig für große Verunsicherung. Die gute Nachricht lautet jedoch: In den allermeisten Fällen steckt keine schwerwiegende Verletzung dahinter.
Kaum ein Körperteil wird so häufig als empfindlich dargestellt wie der Rücken. Viele Menschen haben im Laufe ihres Lebens gelernt, dass sie beim Heben vorsichtig sein müssen oder dass bestimmte Bewegungen gefährlich sein könnten. Tatsächlich vermittelt diese Vorstellung jedoch ein falsches Bild. Die Lendenwirbelsäule gehört zu den belastbarsten Strukturen des menschlichen Körpers. Jeden Tag muss sie enorme Kräfte aufnehmen. Bereits beim normalen Gehen wirken Belastungen auf die Wirbelsäule. Beim Treppensteigen, Heben oder Tragen steigen diese Kräfte weiter an. Trotzdem bewältigt die Wirbelsäule diese Aufgaben meist über Jahrzehnte hinweg problemlos. Gerade deshalb stellt sich bei einem Hexenschuss die Frage: Warum kann ein so robustes System plötzlich so starke Schmerzen verursachen?
Der Begriff Hexenschuss stammt aus einer Zeit, in der plötzlich auftretende Rückenschmerzen kaum erklärt werden konnten. Medizinisch spricht man heute von einer akuten Lumbalgie. Gemeint sind plötzlich auftretende Schmerzen im Bereich des unteren Rückens, die häufig ohne erkennbare schwere Verletzung entstehen. Trotz ihrer Plötzlichkeit entwickelt sich die Ursache meist nicht innerhalb von Sekunden. Häufig handelt es sich um das Ergebnis verschiedener Faktoren, die bereits zuvor vorhanden waren. Der eigentliche Schmerz ist dann nur der Moment, in dem das System seine Belastungsgrenze erreicht.
Kaum eine Vorstellung hält sich so hartnäckig wie die Idee eines verrutschten Wirbels. Viele Patienten berichten unmittelbar nach einem Hexenschuss, dass sich etwas verschoben haben müsse. Andere vermuten eine Blockade im Iliosakralgelenk oder ein schiefes Becken. Aus anatomischer Sicht spricht jedoch wenig dafür, dass bei einem gewöhnlichen Hexenschuss tatsächlich ein Wirbel verrutscht ist. Die Wirbelsäule wird durch Bandscheiben, Bänder, Gelenke und eine kräftige Muskulatur stabilisiert. Die moderne Schmerzforschung geht davon aus, dass das Nervensystem hierbei eine zentrale Rolle spielt. Für den Betroffenen entsteht dadurch ein sehr reales Gefühl von Steifigkeit oder Blockade, obwohl keine Struktur verrutscht ist.
Schmerz entsteht nicht ausschließlich durch Gewebeschäden. Vielmehr handelt es sich um ein Warnsignal des Nervensystems. Schlafmangel, Stress, körperliche Belastungen, ungewohnte Aktivitäten oder Erschöpfung können beeinflussen, wie empfindlich dieses System reagiert. Deshalb tritt ein Hexenschuss häufig nicht während einer außergewöhnlichen Belastung auf, sondern bei einer scheinbar harmlosen Bewegung.
Bei einem unkomplizierten Hexenschuss empfehlen die meisten Leitlinien zunächst keine Bildgebung. Bandscheibenvorwölbungen, Arthrose oder andere altersbedingte Veränderungen finden sich auch bei vielen Menschen ohne Beschwerden. Deshalb liefert ein MRT nicht automatisch die Antwort auf die Frage, warum der Rücken gerade jetzt schmerzt.
Früher lautete die Empfehlung häufig: Bettruhe. Heute weiß man, dass dies meist nicht der beste Weg ist. Natürlich kann es sinnvoll sein, besonders schmerzhafte Bewegungen vorübergehend zu reduzieren. Eine vollständige Schonung über mehrere Tage führt jedoch häufig dazu, dass sich die Beschwerden länger halten. Der Rücken ist für Bewegung gemacht. Deshalb empfehlen moderne Leitlinien, im Rahmen der Möglichkeiten aktiv zu bleiben.
Die meisten Hexenschüsse sind harmlos. Es gibt jedoch einige Warnzeichen, die medizinisch abgeklärt werden sollten. Dazu gehören Probleme bei Blasen- oder Darmfunktion, Taubheitsgefühle im Genitalbereich, deutliche Kraftverluste, Fieber oder starke nächtliche Schmerzen.
Ein Hexenschuss kann sehr schmerzhaft sein und erhebliche Unsicherheit auslösen. Die Intensität der Beschwerden bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine schwerwiegende Schädigung vorliegt. Die Wirbelsäule ist robust, anpassungsfähig und für Bewegung gebaut. Eine sorgfältige Untersuchung und die schrittweise Rückkehr zu normalen Aktivitäten bilden heute die Grundlage einer modernen Behandlung.