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ISG-Syndrom

Schmerzen im unteren Rücken oder Gesäß – Was wirklich dahintersteckt

Schmerzen im Bereich des unteren Rückens oder Gesäßes werden häufig schnell als „ISG-Blockade“ bezeichnet. Viele Betroffene hören Aussagen wie: „Das Becken ist verschoben“ oder „Das ISG sitzt schief“.

Heute weiß man:
Das Iliosakralgelenk (ISG) ist ein sehr stabiles Gelenk mit nur minimaler Bewegung. Beschwerden entstehen meist nicht durch ein "ausgerenktes" oder „verschobenes“ Gelenk, sondern durch ein Zusammenspiel aus Belastung, Gewebeempfindlichkeit, muskulärer Belastbarkeit und Schmerzverarbeitung.

Die gute Nachricht: Die meisten Menschen können konservativ – also ohne Operation – erfolgreich behandelt werden.

Das Handbuch zum ISG-Syndrom: Wenn Rücken und Gesäß schmerzen

Einleitung: Eine kleine Bewegung mit großer Belastung

Das Iliosakralgelenk verbindet: • das Kreuzbein (Sakrum) • mit den Beckenschaufeln (Ilium) Es überträgt täglich hohe Kräfte: • beim Gehen • Heben • Drehen • Laufen • Springen Obwohl sich das ISG nur minimal bewegt, ist es enorm belastbar. Die tatsächliche Bewegung liegt meist nur im Bereich von:
1 Grad - 4 Grad
Deshalb gilt heute:
Ein "Verschieben" des ISG im Alltag ist biomechanisch sehr unwahrscheinlich.

Kapitel 1: Was passiert beim sogenannten ISG-Syndrom?

Früher ging man häufig davon aus, das ISG sei:

  • "blockiert"
  • "verdreht"
  • "verschoben"

Heute zeigt die Forschung:
Diese Erklärungen sind wissenschaftlich nur begrenzt haltbar. Beschwerden entstehen meist multifaktoriell durch:

  • Überlastung
  • verminderte Belastbarkeit
  • erhöhte Schmerzempfindlichkeit
  • muskuläre Faktoren
  • ungewohnte Belastungen
  • Bewegungsmangel oder plötzliche Belastungssteigerung

Wichtig:
Schmerz bedeutet nicht automatisch strukturellen Schaden.

 

Kapitel 2: Warum entstehen Beschwerden?

Ein einzelner Auslöser ist selten. Häufig wirken mehrere Faktoren zusammen:

1. Belastung und Belastbarkeit passen nicht zusammen

Zum Beispiel: • ungewohnte körperliche Belastung • langes Sitzen • schweres Heben • intensive sportliche Belastung

2. Verminderte muskuläre Belastbarkeit

Besonders wichtig sind:

  • Rumpfmuskulatur
  • Gesäßmuskulatur
  • Hüftmuskulatur

Reduzierte Kraft oder Ausdauer können die Belastungsverteilung verändern.

 

3. Bewegungsmangel

Wenig Bewegung reduziert langfristig die Belastbarkeit von Muskeln, Sehnen und Gelenken.

4. Schwangerschaft und hormonelle Faktoren

Während der Schwangerschaft verändert sich die Belastung des Beckens deutlich. Zusätzlich beeinflussen hormonelle Veränderungen die Gewebespannung.

5. Schmerzempfindlichkeit des Nervensystems

Das Nervensystem kann empfindlicher auf Belastung reagieren – besonders bei länger bestehenden Beschwerden.

Kapitel 3: Typische Symptome

Häufig berichten Betroffene über:

  • Schmerzen im unteren Rücken
  • Gesäßschmerzen
  • Beschwerden beim Drehen
  • Schmerzen beim Aufstehen
  • Beschwerden beim langen Sitzen oder Stehen
  • Schmerzen beim Treppensteigen
  • teilweise Ausstrahlung in Oberschenkel oder Leiste

 

Kapitel 4: Diagnose – Wann sind Untersuchungen sinnvoll?

Die Diagnose erfolgt vor allem durch:

  • Gespräch
  • klinische Untersuchung
  • Belastungstests

Es gibt verschiedene sogenannte Provokationstests. Ein einzelner Test ist jedoch nicht ausreichend. Entscheidend ist immer das Gesamtbild.

 

Bildgebung

Röntgen oder MRT sind meist nur sinnvoll:

  • bei Verdacht auf andere Ursachen
  • nach Trauma
  • bei neurologischen Auffälligkeiten
  • bei entzündlichen Erkrankungen

Wichtig:
Viele Veränderungen in Bildgebungen finden sich auch bei beschwerdefreien Menschen.

 

Kapitel 5: Therapie – Was wirklich hilft

Die wichtigste Erkenntnis moderner Leitlinien:
Aktive Therapie ist langfristig meist wirksamer als reine passive Behandlung.

A. Bewegungstherapie (wichtigste Maßnahme)

Ziele:

  • Belastbarkeit steigern
  • Bewegungsangst reduzieren
  • Kraft verbessern
  • normale Bewegungen wieder ermöglichen

Besonders wichtig:

  • Rumpftraining
  • Hüftkräftigung
  • Gesäßtraining
  • Belastungsaufbau
  • allgemeine Aktivität

 

Wichtige Bewegungen und Übungen

Hilfreich sind:

  • Kniebeugen
  • Hüftbeugen
  • Ausfallschritte
  • Rotationsbewegungen
  • Gehtraining
  • kontrollierte Hebebewegungen
  • Stabilisationsübungen

Wichtig:
Der Körper wird belastbarer durch Belastung – nicht durch dauerhafte Schonung.

 

B. Manuelle Therapie

Manuelle Techniken können kurzfristig:

  • Schmerzen reduzieren
  • Bewegung erleichtern
  • Muskelspannung beeinflussen

Sie ersetzen jedoch kein aktives Training.

 

C. Schmerzmanagement

Kurzfristig hilfreich:

  • Wärme
  • Bewegung
  • Belastungsanpassung
  • entzündungshemmende Medikamente (NSAR)

 

D. Injektionen oder Operation

Nur selten notwendig. Injektionen kommen meist nur bei hartnäckigen Beschwerden infrage. Operationen spielen beim klassischen ISG-Syndrom nur eine sehr geringe Rolle.

Kapitel 6: Warum Bewegung langfristig wichtig bleibt

Viele Rücken- und ISG-Beschwerden verlaufen wiederkehrend. Deshalb ist langfristige Belastbarkeit entscheidend. Wichtig:

  • regelmäßige Bewegung
  • Krafttraining
  • Ausdauertraining
  • Belastungsvariabilität
  • aktiver Alltag

Das gilt:

  • im jungen Erwachsenenalter
  • im Beruf
  • im Sport
  • bis ins hohe Lebensalter

Denn:
Muskeln und Belastbarkeit bauen ohne regelmäßige Belastung ab.

 

Kapitel 7: Was Sie selbst tun können

 

  • Bleiben Sie aktiv.
  • Vermeiden Sie dauerhafte Schonung.
  • Steigern Sie Belastungen schrittweise.
  • Trainieren Sie Kraft und Ausdauer regelmäßig.
  • Vertrauen Sie darauf, dass Rücken und Becken grundsätzlich sehr belastbar sind.

 

Fazit: Das ISG ist stabil und belastbar

Das sogenannte ISG-Syndrom ist meist keine „Blockade“, sondern häufig Ausdruck eines Missverhältnisses zwischen Belastung und Belastbarkeit.
Die wichtigste Therapie besteht nicht im „Einrenken“, sondern in:

  • Bewegung
  • Kraftaufbau
  • Belastungssteuerung
  • langfristiger Aktivität

Mit gezielter Therapie und regelmäßigem Training lassen sich Beschwerden in den meisten Fällen deutlich verbessern.

 

Quellenverzeichnis

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