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Schulterimpingement

Schulterschmerzen beim Anheben des Arms – Was wirklich dahintersteckt

Schmerzen beim seitlichen Anheben des Arms gehören zu den häufigsten Schulterbeschwerden. Viele Betroffene hören die Diagnose „Impingement“ oder „Engpasssyndrom“. Heute spricht man medizinisch eher vom subakromialen Schmerzsyndrom.

Wichtig zu wissen:

In den meisten Fällen handelt es sich nicht um ein Einklemmen im klassischen Sinn, sondern um eine schmerzhafte Reizung von Sehnen und Schleimbeutel durch Überlastung, verminderte Belastbarkeit oder ungünstige Belastungsmuster.

Die gute Nachricht: Die meisten Menschen werden ohne Operation wieder beschwerdefrei.

Das Handbuch zum Schulterimpingement: Wenn das Anheben schmerzt

Einleitung: Ein bewegliches, aber sensibles Gelenk

Die Schulter ist das beweglichste Gelenk des Körpers. Der Oberarmkopf liegt relativ locker in einer kleinen Gelenkpfanne. Damit diese Konstruktion funktioniert, müssen Muskeln und Sehnen sehr fein zusammenarbeiten.

Unter dem knöchernen Schulterdach (Akromion) verlaufen:

  • die Sehnen der Rotatorenmanschette
  • ein Schleimbeutel (Bursa), der Reibung reduziert

Wenn dieser Bereich überlastet oder gereizt wird, entstehen Schmerzen – besonders beim Heben des Arms.


Kapitel 1: Was passiert in der Schulter?

Früher nahm man an, die Sehnen würden mechanisch „eingeklemmt“. Heute weiß man: Schmerzen entstehen meist durch eine Kombination aus:

  • Überlastung
  • verminderter Belastbarkeit
  • Reizung der Sehnen (Tendinopathie)
  • Reizung des Schleimbeutels

Die Sehnen sind dabei nicht „entzündet“ im klassischen Sinn, sondern häufig strukturell gereizt. Schmerz bedeutet daher nicht automatisch „Schaden“, sondern oft eine Überforderung des Gewebes.


Kapitel 2: Warum entstehen diese Schmerzen?

Ein einzelner Auslöser ist selten. Meist wirken mehrere Faktoren zusammen:

1. Missverhältnis Belastung zu Belastbarkeit: Wiederholte Überkopfbewegungen (z. B. Malerarbeiten, Volleyball, Schwimmen) ohne ausgleichendes Training der Schulterpartie können die Sehnen stark beanspruchen.

2. Zu schnelle Belastungssteigerung: Ein Trainingsstart nach längerer Pause oder eine plötzliche Intensivierung kann die Schulter überfordern.

3. Allgemeine Dekonditionierung: Muskeln verlieren bei Inaktivität an Kraft und Ausdauer. Eine geringere Belastbarkeit erhöht das Risiko für Beschwerden.

4. Anatomische Faktoren: Unterschiede in der Form des Schulterdachs können eine Rolle spielen, sind aber allein selten die Ursache.

Wichtig: Eine „schlechte Haltung“ ist nicht automatisch der Auslöser. Es gibt keine perfekte Schulterposition, sondern vor allem gut angepasste Belastung.


Kapitel 3: Typische Symptome

Charakteristisch sind:

  • Schmerzen beim seitlichen Anheben des Arms (häufig zwischen 60° und 120°)
  • Schmerzen beim Greifen ins Regal
  • Beschwerden beim Liegen auf der betroffenen Seite
  • Ausstrahlung in den Oberarm
  • Kraftgefühl „wie blockiert“

Die Beweglichkeit ist meist noch vorhanden – aber schmerzhaft.


Kapitel 4: Diagnose – Wann sind Untersuchungen sinnvoll?

Die Diagnose wird vor allem durch Gespräch und Untersuchung gestellt. Bestimmte Bewegungstests können die Schmerzen provozieren, sind aber nicht allein beweisend. Es ergibt sich dadurch immer ein Gesamtbild welches Rückschlüsse auf die nötige Therapie liefert.

Bildgebung

  • Ultraschall kann Sehnenveränderungen sichtbar machen.
  • Röntgen zeigt knöcherne Veränderungen.
  • MRT ist nur notwendig bei Verdacht auf einen größeren Sehnenriss oder wenn eine Operation geplant wird.

Viele Veränderungen im MRT finden sich auch bei beschwerdefreien Menschen. Daher gilt: Bilder behandeln keine Schmerzen – Menschen schon.


Kapitel 5: Therapie – Was wirklich hilft

Die wichtigste Erkenntnis aus aktuellen Studien: Training ist genauso wirksam wie eine Operation – oft sogar nachhaltiger.

A. Bewegungstherapie (wichtigste Maßnahme)

Ziel ist nicht, „Platz zu schaffen“, sondern:

  • Belastbarkeit der Sehnen zu steigern
  • Kraft und Ausdauer der Schultermuskulatur zu verbessern
  • Bewegungen wieder schmerzarm zu ermöglichen

Besonders hilfreich sind:

  • Kräftigung der Rotatorenmanschette
  • Training der Schulterblattmuskulatur
  • langsam gesteigerte Überkopfbelastung

B. Schmerzreduktion

  • Kurzzeitig entzündungshemmende Medikamente (NSAR)
  • Kälte bei akuter Reizung
  • Kortisoninjektionen können kurzfristig helfen, sind aber langfristig nicht überlegen gegenüber Training

C. Operation

Eine sogenannte subakromiale Dekompression (Abtragen von Knochen/Schleimbeutel) wird heute deutlich zurückhaltender empfohlen.

Große Studien zeigen: Operation bringt langfristig keinen Vorteil gegenüber strukturiertem Training.


Kapitel 6: Was Sie selbst tun können

  1. Bleiben Sie in Bewegung – vermeiden Sie komplette Schonung.
  2. Belastung dosieren statt vermeiden. Schmerzfreie oder leicht schmerzhafte Bewegung ist meist erlaubt.
  3. Langsam steigern. Die Sehne braucht Zeit zur Anpassung.
  4. Geduld haben. Sehnen reagieren langsamer als Muskeln – Besserung kann mehrere Wochen dauern.

Fazit: Die Schulter ist belastbar

Schulterschmerzen sind häufig – aber in den meisten Fällen gut behandelbar. Nicht „Enge“ ist das Hauptproblem, sondern das Missverhältnis von Belastung zu Belastbarkeit. Mit gezieltem Training, sinnvoller Dosierung und Geduld lässt sich die Schulter in den allermeisten Fällen ohne Operation stabilisieren.


Quellenverzeichnis

  • AWMF-Leitlinie: Rotatorenmanschette / Subakromiales Schmerzsyndrom (aktuelle Fassung).
  • Dutch Orthopaedic Association. Guideline for Subacromial Pain Syndrome. 2014.
  • Beard DJ et al. Arthroscopic subacromial decompression for shoulder pain (CSAW Trial). Lancet. 2018.
  • Paavola M et al. Subacromial decompression versus diagnostic arthroscopy (FIMPACT Trial). BMJ. 2018.
  • Lewis JS. Rotator cuff related shoulder pain: Assessment and management. Br J Sports Med. 2015.
  • Cook JL, Purdam CR. Is tendon pathology a continuum? Br J Sports Med. 2009.
  • Hegedus EJ et al. Physical examination tests of the shoulder. Br J Sports Med. 2008.
  • Seitz AL et al. Risk factors for shoulder impingement. Sports Med. 2011.
  • Coombes BK et al. Corticosteroid injections in tendinopathy. Lancet. 2010.