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Das Schulterimpingement-Syndrom (oft auch „Engpasssyndrom“ genannt) ist einer der häufigsten Gründe für quälende Schulterschmerzen. Betroffene spüren oft einen stechenden Schmerz, wenn sie den Arm seitlich anheben oder versuchen, etwas aus einem hohen Regal zu greifen. Es ist kein plötzlicher Schaden durch einen Sturz, sondern meist das Ergebnis eines schleichenden Prozesses, bei dem es im wahrsten Sinne des Wortes zu eng im Gelenk wird.
Hier ist ein ausführlicher Überblick über die Biomechanik der Schulter, die Ursachen der Enge und wie man durch gezielte Übungen wieder Platz im Gelenk schafft.
Unsere Schulter ist ein Meisterwerk der Mobilität. Damit wir den Arm so frei bewegen können, muss der Oberarmkopf sehr präzise unter dem knöchernen Dach der Schulter (Akromion) gleiten. Zwischen diesem Knochendach und dem Oberarmkopf liegt ein schmaler Raum – das sogenannte „Schulterdach“.
In diesem Nadelöhr verlaufen wichtige Strukturen: die Sehnen der Rotatorenmanschette (vor allem die Supraspinatussehne) und ein schützender Schleimbeutel. Beim Schulterimpingement wird dieser ohnehin schon knappe Raum noch weiter eingeengt. Bei jeder Hebebewegung des Arms werden die Sehne und der Schleimbeutel zwischen den harten Knochen eingequetscht.
Normalerweise zentrieren die Muskeln den Oberarmkopf perfekt in der Pfanne. Wenn dieses Zusammenspiel gestört ist, rutscht der Kopf beim Anheben des Arms ein Stück zu weit nach oben und stößt gegen das Schulterdach.
Reizung des Schleimbeutels: Der Schleimbeutel dient als Gleitkissen. Wird er ständig gedrückt, entzündet er sich, schwillt an und nimmt dadurch noch mehr Platz weg – ein Teufelskreis beginnt.
Sehnenreizung (Tendinitis): Die Sehne wird durch den mechanischen Druck aufgeraut. Langfristig kann dies zu kleinen Rissen oder Kalkablagerungen führen.
Knöcherne Veränderungen: Der Körper versucht manchmal, die Belastung auszugleichen, indem er kleine Knochenauswüchse am Schulterdach bildet, was den Platz zusätzlich verringert.
Ein Impingement entsteht selten durch eine einzelne Ursache. Meist ist es eine Kombination aus Anatomie und Lebensstil:
Wir leben in einer „Vorn-Welt“. Wir tippen am Laptop, fahren Auto und schauen aufs Handy. Dabei verkürzt sich die Brustmuskulatur, und die Schultern fallen nach vorne. Die hinteren Muskeln, die die Schulterblätter stabilisieren sollten, werden schwach. Dadurch verändert sich die Stellung des Schulterdachs, und der Raum darunter wird eng.
Manche Menschen werden mit einem ungünstig geformten Schulterdach geboren (z. B. hakenförmig statt flach). Diese Personen haben von Natur aus weniger Platz und neigen eher zu Problemen.
Maler, Elektriker oder Sportler (Schwimmer, Volleyballer) belasten den Bereich unter dem Schulterdach extrem häufig. Durch die ständige Reizung schwellen die Weichteile an.
Das klassische Zeichen für ein Impingement ist der sogenannte „Painful Arc“ (schmerzhafter Bogen):
Der Arm lässt sich von 0 bis 60 Grad fast schmerzfrei heben.
Zwischen 60 und 120 Grad tritt ein stechender Schmerz auf, da hier der Engpass am engsten ist.
Über 120 Grad lässt der Schmerz oft wieder nach.
Weitere Anzeichen:
Schmerzen beim Liegen auf der betroffenen Schulter.
Schmerzen, die in den Oberarm ausstrahlen (oft bis zum Ellenbogen).
Kraftlosigkeit beim Heben von Gegenständen über Kopfhöhe.
Der Arzt oder Physiotherapeut nutzt spezielle Provokationstests (z. B. den Neer-Test oder Hawkins-Test), um die Enge künstlich zu provozieren und den Schmerz zu lokalisieren.
Ultraschall: Hier kann man sehr gut sehen, ob der Schleimbeutel entzündet ist oder ob die Sehne bereits Schäden aufweist.
Röntgen: Dient dazu, knöcherne Sporne oder Kalkablagerungen sichtbar zu machen.
MRT: Wird meist nur eingesetzt, wenn der Verdacht auf einen kompletten Sehnenriss besteht oder eine Operation geplant wird.
Die gute Nachricht: Über 80 % der Impingement-Patienten können ohne Operation geheilt werden. Das Ziel ist es, den Oberarmkopf durch gezieltes Training wieder „nach unten“ zu ziehen.
Zentrierung des Gelenks: Kräftigung der Außenrotatoren und der Muskulatur zwischen den Schulterblättern.
Dehnung: Öffnen der Brustmuskulatur, um die Schulter wieder nach hinten-unten zu bringen.
Faszientherapie: Lösen von Verklebungen im Bereich der Schulterkapsel.
In der akuten Phase müssen die geschwollenen Weichteile zur Ruhe kommen.
Kälte: Hilft bei akuten Entzündungen.
Medikamente: Kurzzeitig entzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR).
Kortison: Eine Spritze in den Schleimbeutel kann bei massiven Schmerzen das „Feuer löschen“, heilt aber nicht die Ursache (die Fehlstellung).
Nur wenn monatelanges Training nicht hilft oder knöcherne Engpässe vorliegen, wird eine „Subakromiale Dekompression“ durchgeführt. Dabei wird mittels Schlüsselloch-Chirurgie ein Teil des Schleimbeutels entfernt und der Knochen leicht abgefräst, um mechanisch Platz zu schaffen.
Vermeiden Sie Überkopf-Belastungen: Gönnen Sie der Schulter in der Akutphase eine Pause von belastenden Sportarten.
Haltungskorrektur: Achten Sie im Alltag darauf, die Schulterblätter aktiv nach hinten und unten zu ziehen („Brust raus“).
Schlafposition: Vermeiden Sie es, auf dem betroffenen Arm zu schlafen, da dies den Kopf zusätzlich in das Schulterdach drückt.
Ein Impingement ist oft ein Weckruf Ihres Körpers, dass die Statik nicht mehr stimmt. Anstatt nur den Schmerz zu betäuben, ist es entscheidend, die Ursache – meist die schwache Muskulatur – anzugehen. Mit Geduld und dem richtigen Training lässt sich das „Nadelöhr“ wieder weiten, sodass die Schulter wieder frei und schmerzfrei gleiten kann.
DGOU (Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie): Leitlinien zum subakromialen Impingementsyndrom.
GOTS (Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin): Fachartikel zur Rehabilitation von Schulterbeschwerden.
AWMF-Leitlinienregister: Aktuelle Behandlungspfade für Rotatorenmanschetten-Erkrankungen.
Pschyrembel Online: Medizinisches Lexikon, Fachartikel Impingement-Syndrom.
Stiftung Gesundheitswissen: Patientenratgeber zu Schulterschmerzen und Übungstherapie.